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Neuer Durchbruch bei Cholesterinsenkern?

Gibt es bald eine Alternative zu Statinen? Zwei neue Medikamente wirken gezielt auf das als schädlich geltende LDL-Cholesterin. Für wen diese Mittel infrage kommen
von Sonja Gibis, aktualisiert am 19.05.2016

Gefährliches Nadelöhr: Arterienverkalkung kann Gefäße verengen

Fotolia/pankajstock123

Wenig Cholesterin im Blut, gesundes Herz. Dass diese Gleichung oft stimmt, konnten Forscher schon länger am lebenden Objekt beobachten. Eine genetische Veränderung führt bei einigen Menschen dazu, dass nur sehr wenig des "schlechten" LDL-Cholesterins in ihrem Blut schwimmt. Hinzu kommt: Schlaganfälle und Herzinfarkte sind bei ihnen sehr selten.

Als die Wissenschaftler die Ursache für die niedrigen Werte erkannten, war die Euphorie groß. Menschen mit wenig LDL-Cholesterin fehlt ein Enzym, das PCSK9. Ein möglicher neuer Weg war entdeckt, um erhöhte Blutfettwerte zu senken.

Antikörper senken LDL-Cholesterin

Nur gut zehn Jahre später ist aus der Hoffnung Wirklichkeit geworden. Seit vergangenem September sind in Deutschland zwei neue Antikörper-Medikamente zugelassen, Alirocumab und Evolocumab. In Studien erfüllten sie die hohen Erwartungen, die die Forscher in sie gesteckt hatten. "Sie reduzieren das LDL-Cholesterin begeisternd gut", sagt Professor Klaus Parhofer, Leiter der Stoffwechsel-Ambulanz am Klinikum der Uni München. Nimmt ein Patient bereits herkömmliche Medikamente ein, um die Blutfette zu senken, können die neuen Arzneien den Spiegel nochmals um die Hälfte verringern. Auch wenn sie allein eingesetzt werden, fallen die Werte schon innerhalb weniger Wochen um bis zu 60 Prozent.

Cholesterinspiegel sinkt stärker als bei Statinen

Die neuen Mittel setzen in den Leberzellen an. Diese stellen LDL-Cholesterin nicht nur her, sondern fischen es auch aus dem Blut, um es abzubauen. Die Antikörper führen dazu, dass mehr Moleküle abgefangen werden. Der Cholesterinspiegel sinkt – und das stärker als durch Statine, die bisherigen Standardpräparate zur Behandlung erhöhter LDL-Cholesterinwerte.

Machen die neuen Antikörper Statine also bald überflüssig? "Das ganz sicher nicht", urteilt Parhofer. Da die bisher abgeschlossenen Studien einen zu kurzen Zeitraum untersuchten, hat das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) den Medikamenten bislang zudem noch keinen Zusatznutzen bescheinigt. Für Hochrisikopatienten mit großem Therapiebedarf wird das Medikament aber dennoch erstattet.

Wann erhöhte Blutfettwerte ein Risiko werden

  • Als riskant gelten nur erhöhte Werte des LDL-Cholesterins (Low Density Lipoprotein), das an der Entstehung von Gefäßverkalkungen beteiligt ist.

  • Ob eine Therapie nötig ist, beurteilt der Arzt allerdings nicht allein anhand des LDL-Werts im Blut. Entscheidend ist zudem vor allem, ob der Patient weitere Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen hat.

  • Als Gefahr für die Gefäße gelten Diabetes, Bluthochdruck, Rauchen und starkes Übergewicht. Auch das Alter und das Auftreten von Herzkrankheiten in der Familie spielen eine Rolle. Aus diesen Faktoren ergibt sich das Risiko. Ist es sehr hoch, etwa wenn der Patient bereits einen Herzinfarkt hatte, sollte der LDL-Spiegel zum Beispiel unter 90 mg/dl liegen. Bei mäßig erhöhtem Risiko genügt unter 115 mg/dl.


Für wen kommen die Mittel infrage?

Infrage kommen die neuen Präparate bislang nur für wenige, ausgewählte Patienten. Für sie bedeuteten sie allerdings einen echten Fortschritt. Beispielsweise für Menschen, deren Gefäße bereits stark geschädigt sind und die nur eine geringe Dosis an Statinen vertragen. "Das sind aber nur sehr wenige", sagt Parhofer. Nicht jeder, der an sich Nebenwirkungen der Cholesterinsenker beobachtet, gehört bereits dazu. Eine weitere Gruppe bilden Patienten, die ein stark erhöhtes Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko haben und trotz Statinen die angestrebten Werte bei Weitem nicht erreichen.

Neue Hoffnung bedeuten die Antikörper auch für einige Menschen mit einer angeborenen Stoffwechselstörung, der familiären Hypercholesterinämie. Zum Teil besteht die einzig wirksame Therapie in einer regelmäßigen Blutwäsche, um das überschüssige Cholesterin ausreichend aus dem Blut zu entfernen. "Bislang ist anzunehmen, dass man das vielen zukünftig ersparen kann", so Parhofer.

Professor Ulrich Laufs

W&B/Ramon Haindl

Ähnlich wie Insulin spritzen

Professor Ulrich Laufs, Kardiologe an den Universitätskliniken des Saarlandes, hat die Antikörper ebenfalls bereits länger im Rahmen von Studien eingesetzt und sehr gute Erfahrungen gemacht, auch was die Verträglichkeit anbelangt. Während Statine als Tablette eingenommen werden, müssen sich die Patienten die neuen Medikamente selbst spritzen – ähnlich wie Insulin bei Diabetes, allerdings nur alle zwei oder vier Wochen. "Die Spritze sieht aus wie ein dicker Kugelschreiber. Man setzt ihn sich auf die Haut, drückt drauf – das war’s", beschreibt Laufs. Lediglich an der Einstichstelle komme es hin und wieder zu leichten Reizungen. Mit der Form der Verabreichung kämen die meisten Patienten gut klar.

Dennoch gibt es noch einige offene Fragen – etwa zu seltenen Nebenwirkungen sowie vor allem zur Wirksamkeit über längere Sicht. "Die Therapie mit Statinen wird meist gut vertragen, auch über Jahrzehnte", sagt Kardiologe Laufs. Darüber hinaus erreicht sie das eigentliche Ziel: Die Patienten erleiden seltener einen Schlaganfall oder Herzinfarkt – und leben dadurch länger.

Kosten liegen bei etwa 8000 Euro im Jahr

Für die neuen Antikörper steht dieser Beleg noch aus, auch wenn laufende Untersuchungen einen positiven Ausgang erwarten lassen. Mit Ergebnissen rechnen die Experten noch in diesem Jahr.

Ein Nachteil steht allerdings bereits fest: der hohe Preis. Während die Therapie mit Statinen pro Jahr weniger als 65 Euro kostet, sind es bei den Antikörpern etwa 8000 Euro. "Das könnte aber noch weniger werden", meint Laufs. Weitere Antikörper befinden sich in der Entwicklung. Und Konkurrenz drückt den Preis. Die Statine werden die neuen Medikamente aber auch dann nicht ersetzen – nicht nur wegen der Kosten.

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Bildnachweis: W&B/Ramon Haindl, Fotolia/pankajstock123, W&B/Fotolia

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